Gegen die herrschende Drogen- und Flüchtlingspolitik – Erklärung der Roten Flora zu Drogenkonsum und –handel

Seit einiger Zeit hat der Konsum und Handel illegalisierter Drogen um die Flora herum stark zugenommen. Der Unmut eines Teils der AnwohnerInnen darüber ist groß. Seit Mitte November hat die Polizei unter Federführung der Wache 16 mit der gezielten Verfolgung von Drogenabhängigen und Dealern im Schulterblatt begonnen. Wir haben uns zu dieser Situation bisher noch nicht geäußert. Unter anderem deshalb nicht, weil wir Schwierigkeiten hatten, aus unseren eigenen Unklarheiten und Widersprüchlichkeiten heraus zu einer Position zu kommen und zu einem breit getragenen Umgang mit der Situation zu finden.
Unser Hauptanliegen ist es, klarzustellen, dass wir die jetzige Situation an der Flora als Ausgangspunkt nutzen wollen, um endlich der permanenten Vertreibungsroutine gegenüber der Drogenszene etwas entgegenzusetzen.
Die Linke hat eine recht lange und nicht unbedingt rühmliche Geschichte des Umgangs mit (illegalisierten) Drogen, bis vor einigen Jahren wurden diese vor allem als Gefährdung linker Politik und Subkultur betrachtet und “Dealer verpisst Euch” war die dominierende Meinung. Wir hoffen, dass das Umdenken, dass bei vielen von uns und in anderen Teilen der Gesellschaft in letzter Zeit stattgefunden hat, sich auch im Schanzenviertel letztlich durchsetzen und zu einer solidarischeren Diskussion über den Umgang mit der Drogenszene führen wird.

I. Die Drogenpolitik

 

Die bisherige Drogenpolitik hat mit ihrer widersinnigen und verlogenen Einteilung in legale und illegale Drogen und den zwangsläufig scheiternden Versuchen, den Konsum und Handel von letzteren zu verhindern, zu der heutigen Situation geführt.

Einzig und allein die Illegalisierung bestimmter Drogen ist für die Verelendung – und letztlich: den Tod – eines Teils der KonsumentInnen verantwortlich.
Sie führt zur Kriminalisierung der Abhängigen und HändlerInnen und des zwischen ihnen stattfindenden Handels, der durch Vertreibung und Repression nirgends auf korrekte Art stattfinden kann.
Die Folgen sind zwangsläufig: Der Drogenhandel folgt den eigenen eines illegalen Markts, der Stoff wird teuer und selten. Abhängige müssen für den Erwerb der Drogen viel Geld aufbringen, dessen Beschaffung die KonsumentInnen oft rund um die Uhr beschäftigt. Wohnungen und vernünftige Lebensmittel können kaum noch bezahlt werden. Diese Umstände können die so Betroffenen in die “Beschaffungskriminalität” drängen. Die Engpässe in der Versorgung führen zum Strecken des Stoffes mit teils gesundheitsschädlichen Substanzen und das in stets wechselnden Dosierungen, sowie zum Beikonsum unterschiedlichster Drogen. Erst das bedingt die offensichtlichen, gesundheitsschädigenden Wirkungen des Heroinkonsums; Heroin ist in reiner Form körperlicher Form relativ unschädlich.
Den für die HändlerInnen gefährlichsten Teil des Drogenhandels, den Kleinhandel auf der Straße betreiben fast nur noch Leute, die sowieso schon in einer verzweifelten Lage sind: Abhängige, die damit ihren Konsum finanzieren und junge Flüchtlinge, die hier eine Möglichkeit zum Überleben suchten und nun durch Arbeitsverbote und drohende Abschiebung keinen anderen Weg zum Gelderwerb sehen. Die Bereitstellung der Drogen, die auf der Straße gehandelt werden, läuft über GroßhändlerInnen und Handelsstrukturen, die in der Öffentlichkeit nicht auftauchen, jedoch wesentlich die Menge, die Qualität und die Preise des Stoffes bestimmen (und auch die entgegen den üblichen Behauptungen eher geringe Gewinnspanne der Kleindealenden).
Diese Drogenproblematik – eigentlich müsste es heißen: Drogenverbotsproblematik – kann nicht durch weitere Polizeiaktionen gelöst werden. Ganz im Gegenteil wird sie durch jede repressive Maßnahme weiter verschärft. Die einzige Lösung ist eine vollständige Änderung der Drogen(verbots)politik, und eigentlich wissen das alle.

II.Das Viertel

 

Durch den Versuch der Polizei, die offene Drogenszene um den Hauptbahnhof zu zerschlagen, kam es zu einer teilweisen Vertreibung der Drogenabhängigen und der HändlerInnen in die umliegenden Stadtteile.

Im Schanzenviertel wurde nun der Schanzenpark zu einem Treffpunkt. Nach dem Entfachen einer massiven Medienkampagne gegen die Drogenszene kam es auch dort zu repressiven Polizeimaßnahmen. Diese führten zu einer Verlagerung der Szene erst in die umliegenden Straßen und inzwischen auch ins Schulterblatt.
Der Fixstern als eine Hauptanlaufstelle im Stadtteil für DrogenkonsumentInnen ist mittlerweile völlig überlastet, da Kapazitäten und Öffnungszeiten dem Bedarf nicht gerecht werden können. Dies insbesondere, weil inzwischen auch die Polizei mit der Begründung, es gebe dort ja einen “Gesundheitsraum”, die KonsumentInnen dorthin drängt. Außerdem werden die wenigen Freiflächen, die es im Stadtteil noch gibt (z. B. an der Altonaer Str.), weiter zugebaut, eingezäunt oder auf andere Art für KonsumentInnen gesperrt. Das hat zur Folge, dass von den zum Teil obdachlosen DrogenkonsumentInnen sich ein immer größerer Teil in den Hauseingängen, Hinterhöfen, Parks und eben um die Rote Flora aufhält, andere Möglichkeiten haben sie nicht mehr. Glaubt man den meisten Medien, PolitkerInnen und sonstigen Leuten, die sich zu öffentlichen Äußerungen berufen fühlen, dann sei genau “das jetzt aber zu viel für’s eh schon geplagte Viertel” (“ein Viertel kippt”, “ein liberales Viertel kapituliert vor Drogen” usw.). Nun waren die verschiedensten Formen von Armut und Verelendung schon immer Teil des Alltags im Viertel und anderswo, und wir können bisher nicht sehen, warum ausgerechnet das “Drogenproblem” nun das entscheidende Problem sein soll. Einige Erscheinungsformen der Drogenszene, wir körperliches und soziales Elend und die erzwungene Illegalität des Handels sind im Straßenbild sicherlich sichtbarer, als beispielsweise die steigende Arbeitslosigkeit oder die zunehmende soziale Gewalt. Und wahrscheinlich ist es einfacher, Stimmung gegen durch Polizeiaktionen geächtete “Dealer” und “Junkies” zu machen, als Politik gegen z. B. staatlich verantwortete Ausgrenzung von gesellschaftlichen Gruppen. Die sich aktuell wieder einmal durchsetzende Hierarchisierung von Interessen und zu Gunsten gesellschaftlich Bessergestellter und zum Nachteil Ausgegrenzter und ärmerer Bevölkerungsgruppen im Stadtteil wollen wir nicht. Spätestens, wenn diese Interessen mit körperlicher oder verbaler Gewalt in “Eigeninitiative” verwirklicht werden, entlarven sich scheinbare Sorgen im Stadtteil als Instrument eines politischen Verständnisses: Hier wird die eigene Lebensrealität zum Maß aller Dinge gemacht. Das trägt zum derzeitigen rechtskonservativen Trend bei.

III.Die HändlerInnen

 

Die Auflösung der bestehenden Konflikte ließe sich nur mit der vollständigen Legalisierung des Drogenkonsums und –handels realisieren.

Eine kontrollierte Abgabe von illegalisierten Drogen würde an den oben beschriebenen Zuständen wenig ändern, da lediglich sogenannte “Schwerstabhängige” in den Genuss eines solchen Programms kommen sollen. Weil selbst diese Änderung staatlicher Drogenpolitik in absehbarer Zeit aber nicht umgesetzt werden wird, bleiben außer Lippenbekenntnissen nur Forderungen nach Polizeieinsätzen und “mehr Härte der Justiz” übrig. In letzter Zeit wurde häufig das eigene repressive Verhalten und die Durchsetzung egoistischer Interessen mit dem Bekenntnis zur (begrenzten) Drogenfreigabe verbrämt. Die kontrollierte von Drogen zu fordern, d. h., die Situation von KonusmentInnen ernst zu nehmen und zugleich ins “Dealer raus”-Geschrei einzustimmen ist widersprüchlich. Schon allein deshalb, weil sich bis zu einer völligen Freigabe der Konsum und der Handel illegalisierter Drogen nicht trennen lassen.
Überhaupt “die Dealer”: sie, bzw. die öffentlich sichtbaren Kleindealenden, sind gemeinhin das am schärfsten angegriffene Ziel des Unmuts sowohl der AnwohnerInnen als auch der PolitikerInnen und der Medien, die immer wieder ein noch härteres Vorgehen fordern. Dabei werden die Lebensumstände von Menschen, die dealen, völlig missachtet. Man muss sich doch nur die Bedingungen des Drogenhandels auf der Straße vor Augen führen, um zu begreifen, dass niemand so ganz “freiwillig” dealt, solange er echte Wahlmöglichkeiten hat. Und die oben geschilderten brutalen Geschäftsbedingungen des Dealens auf der Straße sind auf die Illegalität ihrer Arbeit und eben nicht auf “böse” Charakterzüge der Dealer zurückzuführen.

IV. Der Rassismus

 

In dieser “weißen” Gesellschaft werden schwarze Menschen besonders wahrgenommen. Diese Wahrnehmung ist nie wertfrei, sondern motiviert von Vorurteilen, die zum gesellschaftlichen Rassismus beitragen.

Das zeigt sich zum Beispiel auch in dem Muster, dem aktuell im Schanzenviertel die Diskussionen folgen. Die scheinbare Bedrohung, die vom Drogenhandel für die AnwohnerInnen ausgeht, wird personifiziert in der herrschenden Vorstellung, daß im Stadtteil lediglich Schwarze dealen. Klar gibt es auch Schwarze, die dealen, aber das heißt nicht, daß jeder Dealer schwarz ist. Die Schwarzen, die diesen Job hier erledigen, sind häufig minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, deren Asylgesuch abgelehnt wird, die keine Arbeitserlaubnis haben und damit keine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Es dealen also ausgerechnet diejenigen, die in dieser hierarchischen Gesellschaft die schwächste, unsicherste Position haben und für die eine Verhaftung/Verurteilung früher oder später (je nach Alter) die Abschiebung bedeutet. Natürlich wissen wir, daß im Schanzenviertel viele der Ansicht sind, daß Flüchtlinge – zumal wenn ihre Asylanträge abgelehnt sind – in diesem Land nichts zu suchen hätten. Und deswegen sagen wir es auch in diesem Zusammenhang auch noch einmal: Unsere Solidarität endet weder an den Grenzen des Schanzenviertels, noch an denen der BRD oder Westeuropas; wir buchstabieren hier nicht die Frage nach Aufenthaltsberechtigung von Flüchtlingen anhand des “Ausländerrechts” oder des faktisch abgeschafften Asylrechtsartikels. Alle Menschen, egal welcher Herkunft oder Hautfarbe, haben das Recht, in einem der reichsten Länder der Welt sich um ihr Auskommen zu kümmern und zu bleiben. Die häufig geäußerte Meinung, niemand sei “gezwungen” zu dealen, übergeht die konkrete Situation vieler Flüchtlinge hier. Es kann auch nicht angehen, Urteile über dealende Flüchtlinge zu fällen, wenn sie keine Möglichkeit haben ‚legal‘ zu arbeiten. Die Zurückweisung des Rassismusvorwurfs mit der Behauptung, man gleichermaßen gegen Dealer aller Hautfarben und könne ja schließlich nichts dafür, daß ausgerechnet Schwarze dealten, ist überhaupt kein Argument. Es unterstellt die gleiche Ausgangslage aller Menschen, die es hier nicht gibt und legt zugleich die schlechten Lebensbedingungen von Flüchtlingen in dieser rassistischen Gesellschaft gegen sie aus (“die wollen ja nicht arbeiten bzw. zur Schule gehen, die kommen doch nur zum Dealen”, “fälschen ihr Geburtsdatum und lachen über Polizei und Justiz”, usw.). Wir wenden uns deshalb gegen das Sündenbockprinzip, das “die (schwarzen) Dealer” einseitig für die als problematisch empfundene Situation im Stadtteil verantwortlich macht. Und um eines mal klarzustellen: Es geht nicht an, daß die weißen privilegierten BewohnerInnen des Schanzenviertels ihre “Probleme” über die der Flüchtlinge stellen, die aufgrund ihrer alltäglichen Bedrohtheit durch ihre Lebensbedingungen und die alltäglichen Repressionen und Schikanen gegen sie in einem ganz anderen Maße Probleme haben. Zusammen mit der Verbesserung der Lebensbedingungen von DrogenkonsumentInnen fordern wir gerade auch die Verbesserung der Lage von Flüchtlingen, deren Bedürfnisse hier tagtäglich missachtet werden. Daraus folgt für uns die Forderung nach Bleiberecht für Alle sowie die Abschaffung aller Sondergesetze gegen MigrantInnen.

V. Die Rote Flora

 

Hinter der Flora wird schon seit längerem gedrückt, insbesondere, wenn der Fixstern geschlossen oder überfüllt ist.

Wegen der Polizeimaßnahmen am Schanzenpark, und weil die Dealer nun mal dort sind und sein müssen, wo die KonsumentInnen sich aufhalten, wird inzwischen an der Flora auch gedealt.
Für viele FloristInnen und BesucherInnen ist es nicht leicht, mit der Situation um die Flora umzugehen. Wir sehen, daß unsere teilweise abstrakten Ansichten zur Drogenproblematik sozusagen auf die Probe gestellt werden und sich so manche nicht ohne weiteres auflösbare Widersprüche auftun. Es war schon immer so, daß autonome/selbstverwaltete Zentren mit manchen in dieser Gesellschaft produzierten Problemen übermäßig stark konfrontiert sind, unter anderem, weil sie Menschen angzogen haben, die wegen ihrer Lebensumstände anderswo vertrieben werden. Und es gab auch Zentren, die an der Auseinandersetzung darum gescheitert sind. Es gibt daher unter uns und um uns herum Stimmen, die eine Überforderung des Projekts Rote Flora durch die Drogenszene befürchten. Im Moment würde es uns bzw. das Projekt Flora in seinem jetzigen Zustand überfordern, Hilfsangebote für z. B. DrogenkonsumentInnen zu organisieren und zu betreuen und mit den momentanen Begleiterscheinungen des Drogenkonsums fertig zu werden – allein schon weil wir nicht dazu ausgebildet und auch nicht rund um die Uhr anwesend sind.
Andererseits ist das letzte, was wir wollen, daß nun auch wir uns vor den Karren der staatlichen und gesellschaftlichen Vertreibungshetze spannen lassen und unsererseits repressiv handeln. Wir werden nicht selber praktizieren, was wir bei anderen kritisieren: Vertreibung und Panikmache. Die Flora ist immer noch ein autonomes Stadtteilprojekt und das beinhaltet vor allem den Versuch, die Utopie eines herrschafts- und ausgrenzungsfreien Lebens praktisch umzusetzen (so unbefriedigend uns das oft auch gelingen mag und kann).
Deshalb wollen wir die Situation für alle Beteiligten (also wir, Drogenszene und AnwohnerInnen – das bezieht sich ausdrücklich nicht auf Polizei, Medien etc.) so annehmbar wie möglich machen. Konkret heißt das, daß wir niemanden vertreiben und es auch nicht billigen, wenn andere das tun. Seit dem 14.11 gibt es nach einigem Zögern der Bullen Vertreibungsaktionen gegen die sich vor der Flora aufhaltende Drogenszene. Es sieht so aus, als würde die irrsinnige (aber deshalb noch lange nicht planlose oder gar widerwillig praktizierte) Polizeitaktik sich zum unzähligem Male wiederholen. Gegen eine “Verfestigung” der Drogenszene wird massiv vorgegangen, egal wo die Leute dann hingehen können – und das immer mit dem Verweis auf Beschwerden von AnwohnerInnen. Wir überlegen uns noch, wie wir uns zukünftig dazu verhalten werden, aber eins ist klar: Wir werden uns gegenüber Vertreibungsaktionen, Razzien, Festnahmen, Kontrollen etc. nicht passiv verhalten, dieses Vorgehen ist Ausdruck einer menschenverachtenden Politik!
Stattdessen versuchen wir, Kontakt zu DrogenhändlerInnen und –konsumentInnen aufzunehmen und gewisse Absprachen über das Verhalten um die Flora zu treffen – erste positive Erfahrungen in die Richtung gibt es schon, zumal der Wunsch nach Gesprächen beiderseitig war. Daß man nicht nur über die Menschen in der Drogenszene reden kann, sondern auch mit ihnen, musste vielen von uns auch erstmal in den Kopf, die Hemmschwellen sind auch bei vielen von uns ziemlich hoch. Hinter der Flora werden wir zumindest Spritzencontainer aufstellen und vielleicht noch mehr, was den Aufenthalt dort etwas erträglicher macht. Das ist nicht als Einladung zu verstehen, sondern als akzeptierende Zurkenntnisnahme der Situation, wie sie nun mal seit Monaten ist (hat lange genug gedauert). Wir wollen einen Umgang finden, der perspektivisch versucht, Ängste und Probleme zu überwinden, antatt sie zu personifizieren. Die Entfernung bestimmter Personengruppen aus einzelnen Straßen oder Umfeldern ist ein falscher Umgang, der sich auf der Suche nach Sündenböcken statt auf die eigentlichen Probleme richtet.

VI. Die Ansprüche

 

Einige von uns würden es prinzipiell für richtig oder gar für einen notwendigen Ausdruck von Konsequenz halten, die Flora als geschützten Raum zum Konsum und auch Handel illegalisierter Drogen anzubieten,

damit beides unter korrekteren Bedingungen als draußen auf der Straße stattfinden könnte.
Bei realistischer Betrachtung unserer Möglichkeiten und Kräfte ist uns aber klar, daß die Rote Flora so ein Experiment nicht tragen könnte. Was den Handel mit illegalisierten Drogen betreffen würde, ist die Flora einfach kein dermaßen “rechtsfreier” Raum, als daß wir sowas wie einen “freien Markt” durchsetzen könnten. Alles weitere (also vor allem die Ermöglichung des Konsums) liefe eher auf den Aufbau einer Entlastung für den Fixstern unter etwas anderen Bedingungen hinaus. In der jetzigen Situation wäre es zwar eine humane Aktion, aber für uns konkret doch eher “Sozialarbeit”, in dem Sinne, daß wir all unsere Energie darein investieren würden, im Mikrokosmos Flora punktuell die Folgen einer gesellschaftlichen Problematik zu bearbeiten. Damit würden wir Staat und Gesellschaft gerade an den Punkten aus einer Verantwortung entlassen, wo sie sich der Lösung selbstverursachter Probleme verweigern – und das wird in Zeiten der Standort-Deutschland-Besessenheit ja immer mehr zum Muster der herrschenden Politik. Da mitzuspielen kann nicht der Sinn unserer Politik sein. Da leben wir dann doch lieber mit einigen offen benannten Widersprüchen, als der Illusion anzuhängen, in unserer kleinen Nische alle gesellschaftlichen Probleme perfekt lösen zu können.
Auch der Forderung der Drogeneinrichtungen um Erweiterung ihrer Kapazitäten, weitere Fixerräume usw. würden wir damit letztlich in den Rücken fallen. Der nötige Druck auf das sich anbahnende drogenpolitische weiter-so-wie-bisher der neuen rot-grünen Regierung (die Koalitionsvereinbarungen hierzu sind, wie in allen anderen Bereichen auch, der rein Hohn), wird nicht größer, wenn wir das Problem “von der Straße holen”. Uns ist dabei allerdings auch wichtig, nicht jedes verantwortliche und solidarische Verhalten auf die “bezahlte Sozialarbeit” abzuwälzen. Und deshalb versuchen wir, so weit wie uns zur Zeit möglich, die konkreten Bedingungen an der Flora zu verbessern.
Die Flora hat eine eigene lange Geschichte der Diskussion um Drogen. Die Flora ist als komplett drogenfreies Zentrum gestartet worden (naja, bis auf Kaffee, Zigaretten, usw.), weil wir drogenfreie Räume schon immer für wichtig hielten (wegen der Rolle, die gerade auch legale und halblegale Drogen in dieser Gesellschaft spielen). Das ließ sich auf Dauer nicht aufrechterhalten, zumindest nicht mehr zu dem Preis, den wir zu “zahlen” bereit waren, und inzwischen gibt es – nach erbitterten Diskussionen – auf Veranstaltungen im begrenzten Rahmen auch Alkohol. Aber einige von uns vertreten immer noch die Utopie einer drogenfreien Gesellschaft – auch von hier aus läßt sich nur schwer ein Konsens für ein “Drogenexperiment” in der Flora finden.

VII. Zum Schluss

 

Nun hören wir schon die Stimmen, die unsere vorläufige, breit getragene kein-Dealen-und-Drücken-in-der-Flora-Entscheidung mit dem gewöhnlichen “Nicht vor meiner Haustür” gleichsetzen:

im Gegenteil, wir billigen das Fixen und Dealen unmittelbar um die Flora.
Und vor allem kritisieren wir an den Fordernungen nach “Schutzzonen vor Drogen” ja auch nicht den Wunsch z. B. nach spritzen- und depotfreien Spielplätzen an sich, sondern andere Aspekte:
daß dies auf Aufenthaltsverbote in Gebieten, die öffentlich sind; für Drogenabhängige (bzw. Leute, die so aussehen) hinausläuft;
daß Spielplätze nur die Spitze des Eisbergs sind, als nächstes kommen Parks und Hinterhöfe, dann die Straße, etc., weil es für jeden dieser Fälle Leute geben wird, die der Meinung sind, wichtigere Bedürfnisse zu haben, als die von “Junkies”; – weil mit dieser Forderung so getan wird, als ab KonsumentInnen sich ohne weiteres irgendein anderes Plätzchen zum Kaufen und Drücken suchen könnten, was jedoch in keinster Weise der Fall ist. “Schutzzonen vor Drogen” würden also zumindest “Schutzzonen für Drogen” voraussetzen und die müssten dementsprechend mitgefordert werden (wie es die Ini 1. Hilfe Sternschanze inzwischen auch tut, wobei die dabei vorgeschlagene Polizeiaufsicht definitiv auf das Gegenteil einer Schutzzone hinausläuft); – überhaupt ist es eine nicht sehr konsequente Herangehensweise, Forderungen hauptsächlich gegenüber der Drogenszene zu erheben und dabei die Verantwortlichen für die Entstehung und Lösung der Drogenverbotsproblematik zu schonen oder gar zu unterstützen; – daß die politische und mediale Instrumentalisierung von solchen Forderungen immer mitbedacht werden muß. Das letzte Jahr hat gezeigt, daß so manche Partei, Institution, Zeitung usw. ihr eigenes Süppchen auf solchen Bedürfnissen kocht, so manches rassistisches Geschrei damit gerechtfertigt wird.
Nochmal zur Klarstellung: hiermit sollen nicht prinzipiell andere Interessen denen von DrogenkonsumentInnen und –händlerInnen untergeordnet, auch nicht jedes Verhalten von Menschen aus der Drogenszene gerchtfertigt werden. Es sollte jedoch selbstverständlich sein, die Gewichtung dieser Interessen und Bedürfnisse kritisch zu hinterfragen und zu denen anderer Gruppen in Relation zu setzen. Was wir kritisieren, ist der Übergang von der Wahrnehmung der eigenen Interessen zur Augen-zu-Mentalität, die sich um die Probleme schlechter gestellter Menschen einen Dreck kümmert. Diese ganze Gesellschaft beruht in immer größerem Ausmaß au Spaltung, Hierarchie, Konkurrenz und Egoismus und hier ist mal ein Punkt erreicht, wo es nötig und möglich ist, dem anhand des Umgangs mit der Drogenszene entschieden eine Alternative entgegenzusetzen.
Wir wehren uns gegen das Ausspielen verschiedener sozialer und sonstiger Notlagen gegeneinander und wir bekämpfen den in den letzten Monaten sichtbar gewordenen Rassismus. Wir wollen einen anderen Weg gehen und wir hoffen, daß das Möglichkeiten des solidarischen Umgangs aufzeigt, die auch für andere praktizierbar sind, und wir halten es für notwendig, daß die AnwohnerInnen diesen Umgang mittragen bzw. ihn nicht behindern.

 

Für einen solidarischen Umgang statt Vertreibung, Rassismus und Ausgrenzung, gegen “Sicherheitspartnerschaften”, mobile Wachen und Platzverweise.

 

Ausbeutung und Herrschaft im Alltag angreifen
Rote Flora, Dezember 1997